Rashid und Jamal

6:40: Mein Wecker klingelt. Wieso hab ich Depp mir den so früh gestellt, wenn ich doch erst in 2h auf den Bus muss. Ach stimmt, ich wollte mit Vero reden. Wir reden meistens Morgens..aber ich hatte nach den gestrigen Erkenntnissen keine Lust. Ich blieb also bis halb Acht im Bett, bis mein Vater die Türe aufriss, um mich rauszuholen.
Müde schmiss ich den Rechner an, in der Hoffnung, etwas Neues von ihr zu hören. ich hab mir gestern die Mühe gemacht, ihr in Icq noch zu schreiben, dass ich es weiß..wahrscheinlich kam nix an, Sie schrieb mir nichts.

Ich packte also mein Telefon und rief Sie an. Wie jeden Morgen, wie vor der Arbeit, während der Arbeit und kurz nach der Arbeit. Aber daheim ist Sie vergeben, anscheinend. Irgendwo macht das doch keinen Sinn, als ob Sie sich nicht entscheiden könnte.

Ich wollte Sie darüber ausfragen, und doch....nach 10 Sekunden verfielen wir in unsere Quatsch-Lach-Fröhlichkeitslaune..sie wirkt so fröhlich und lebendig, wenn Sie mit mir redet..das kannte ich so bislang gar nicht. Wir telefonierten 20 Minuten gemeinsam.

Mein Vater fuhr mich zur Arbeit und gab mir 5 Euro für den heutigen Tag. Dass ich mir davon Kippen kaufte, wusste er sicherlich.

Der heutige Tag brachte allerdings neue Erkenntnisse in meinem Job. Sozialarbeiter ist ein schmaler Grat, du hast weder Lehrer noch Schüler als Bezugspersonen. Nur dich.

In einer meiner Raucherpausen, die ich selbstständig einlege, kam ein 15 Jahre alter Möchtegern-Gangster. Ich kenne diese Typen. Sie ticken alle gleich. Hat man einmal den Dreh raus, ist es einfach, sich in solchen Kreisen Freunde zu machen. Kenne ein paar Namen, ein paar Ausdrücke, und sie erkennen dich als Kolleg. "Ey du, hasch mia ne Kippe?"...ich schaute ihm in die Augen und sagte fast schon automatisch "Ne man, sorry". Nach einem kurzen Wortwechsel lies ich ihm den letzten Zug an meiner dran, und er wollte Kippen kaufen gehen. Ich kannte keinen Automaten weit und breit, also bin ich mit ihm mit. Sein Name war Wiklas, eine Mischung aus Albaner und Zigeuner..das sind die Schlimmsten. Wir liefen in den Lidl, der war keine 2 Minuten von der Schule entfernt. Auf dem Weg kam die Singener Standart-Frage: "Kiffsch du?" Ich erwiderte: "Ne man, habs nich vertragen. 2 Mal probiert und total verballert gewesen, ey nie wieder. Ich bin der Säufer...so Vodka und solche Sachen, weisch." Kaum zu glauben, wie leicht die Leute zu verblenden sind. Klar, es ist die Wahrheit..aber die hätte man auch anderst ausdrücken können. Aber Slang muss man eben lernen, das gehört dazu. Zu einem Uni-Professor hätte ich wohl eher "Nein, mein Körper verträgt solche Rauschstoffe nicht, ich genieße eher ab und an Alkohol" gesagt. Aber das versteht sich von selbst.

Er gab mir Geld, ich sollte für ihn Kippen kaufen. Ich bekam Informationen, also warum nicht? Mit 2 Schachteln (1 für mich, 1 für den Zigeuner) verließ ich den Laden. Ich zündete seine Kippe an, und dann war ich sein Kolleg. So schnell ging das. Die Leute sind aber nicht die Art Kollegen, die immer bleiben. Sie sind nur solange da, wie Sie einen Nutzen von dir haben. Andere hätte er schon grundlos zusammengeschlagen.

Nach einem Gespräch über ein paar Gras-Sorten, Indoor und Outdoor-Zucht und die verfickte Polizei verriet er mir den Grund des Besuchs, nachdem ich ihm erklärt hab, dass ich seit 2 Tage als Sozi da arbeite. Er geht Drogen kaufen. An der Schule, an der ich Sozialarbeiter bin, geht der kleine 15-jährige Kanacke Drogen kaufen. Ich hakte nach: "Haja Fri-Wö is der größte Drogenumschlagplatz in Singen, hasch noch nie gehört? Ey was da drin abgeht, 50% der Schüler kiffen..Mittags kommen Sie von überall und holen das Zeug ab...wenn die Lehrer wüssten, was die für Zeug in den Spinds lagern, da sind keine Schulspastsachen, das kannschma glauben.."

Wie sollte ich auf so etwas reagieren? Okay, Drogen sind was Alltägliches, Banales, ich hab oft genug mit solchen Sachen zu tun. Aber jetzt bin ich Sozialarbeiter. Ich habe Namen, Dealer, Ticker, Käufer. Aber ich bin meinen Kopf los, wenn ich Sie hochgehen lassen würde.

Wir liefen zurück zur Schule, und dann hat er eine Freundin entdeckt, offensichtlich Albanerin. Er sah Sie und hintendran einen anderen, der Sie angaffte. Er krempelte die Ärmel hoch und sagte "Boah den geh ich jetz haun. Weisch, ich hass es wenn Deutsche - ey nix gegen dich, du bisch Deutscher stimmts? (Ich sagte nur "ja klar" - Ja bei dir is was anderes weisch, aber der hat Sie schonmal angegafft und ich hab ihm gesagt er soll aufhörn, Sie anzugaffen...jetzt geh ich sie fragen ob er Sie angegafft hat und wenn ja, hau ich ihn"...ich verabschiedete mich hastig. Ich wollte nicht an meinem dritten Tag ins Visier der anderen Lehrer geraten, weil ich eine Schlägerei toleriere, weil ein Deutscher ne Albanerin angeschaut hat. Aber so ist das, man muss eben aufpassen. Wer bestimmte Regeln nicht kennt, der lernt Sie schnell oder schmerzhaft. Man kann gegen diese Jugendlichen nichts machen.

In der Bibliothek sitze ich meistens allein und habe Zeit, nachzudenken. Da ist mir bewusst geworden, auch wenn ich Schnittstelle zwischen Lehrer und Schüler bin, bin ich der Einzige. Ich kann mit keinem Lehrer über schlechte Schüler reden. Das hat Konsequenzen.

Ich lies die Sache also auf sich beruhen, und machte mir darüber keine Sorgen mehr. Ich packte mir ein Buch und fing an zu lesen..und las es in einem Zug durch. Kein besonders gutes Buch, aber es vertrieb mir die Zeit.

Zuhause angekommen, rief mich Vero an. Sie hatte Feierabend, und wollte mit mir telefonieren. Ich rief zurück, und wir redeten ein wenig...und irgendwie bekam ich die Chance, Frank und seine Anwesenheit in das Gespräch einzubeziehen. Als ich den Namen erwähnte, kam plötzlich der Bus und Sie musste auflegen. Es war also offensichtlich. Es behagte ihr nicht. Sie will 2. Aber wen will Sie eher. Ich und Frank, wir geben uns sicher nicht mit 1 Teil ab. Ich hab keine Angst, zu kämpfen. Auch wenn ich nichts zu bieten habe. Ich habe kein Geld, noch keine Zukunftsperspektiven. Auch kein perfekten Körper. Aber ich habe Herz. Und davon sehr viel. Das ist ihr Verdienst. Es wäre der erste Mensch, um den ich weinen würde.

Meine Mutter hat nicht viel geredet. Ich ging also ins Zimmer und setzte mich an den pc, ein wenig surfen und runterkommen.

Als ich rauswollte, eine rauchen..hielt mich meine Mutter fest. "Gib mir ne Kippe"...ich schaute Sie an, und bemerkte erst jetzt ihren Ausdruck: Verquollenes Gesicht, starke Augenringe, agressiver Gesichtsausdruck. Ich fragte mich, was da vor sich gegangen ist. Mein Vater war noch bei der Arbeit, ein Telefonat haben Sie nicht geführt. Ich antwortete: "Was willstn du jetzt mit ner Kippe, du rauchst doch seit paar Jahren nicht mehr?!". Jetzt wurde ich angegriffen: "Was wird das jetzt? Jetzt gib mir eine bevor ich vollends ausraste!!". Stumm gab ich ihr eine, in Erwartung, was dann passiert.

Sie nahm Kurs zum Zimmer meines Bruders, schrie ihn an: "Sieh wir mir das gefällt, was du anstellst!!", und zündet sich die Zigarette an.

Okay, wieder mal Stress mit meinem Bruder. Also nicht wegen mir. Ich sagte nur noch "du machst dich mal wieder selbst kaputt" und bekam ein unfreundliches "lass mich in Ruh" als Antwort. Ich begab mich auf den Balkon und rauchte meine Kippe, und dachte nicht mehr lang darüber nach. Jeder in dieser Familie macht sein eigenes Ding, wenn etwas nicht läuft, wird jemand angeschrien und Schuld zu gewiesen.

Ich hab mich schon lange aus diesem lieblosen Gemeinschaftssystem ausgeklinkt. Nach mehreren Versuchen, etwas hier zu retten, resignierte auch ich.

Wenn Sie meint, Sie müsste mit Rauchen was beweisen, soll Sie doch. Eigentlich ist Sie doch alt genug. Sie hat nichtmal das Geld für Zigaretten, es ist schon so knapp genug. Wahrscheinlich muss ich jetzt die Fahrkarte selber kaufen, weil Sie die Kohle verrauchen möchte. Obwohl ich weiß, dass das nur ne Ausrede ist, wieder mal Kohle zu sparen. Die Kohle, die mir 45 Minuten Fussweg zur Arbeit ersparen würde.

Im Zimmer überlegte ich, mit wem ich über sowas reden könnte. Manu arbeitet. Bene ist unterwegs..und er ist deshalb ein cooler Typ, weil er so ein Spast ist, dass er gerade durch diese spastische Art extrem cool ist..er lenkt ab. Aber er kann nicht helfen bei sowas.

Ich erinnerte mich an Freedom Writers, und begann zu schreiben.

Und jetzt, geh ich erstmal eine rauchen. Allerdings, sollte es doch jemand geben, der sich hier bis zum Ende durchgelesen hat, meinen Respekt. Be heard ist das Motto. Ich schreibe um mich zu befreien. Ich schreibe, um Dinge loszuwerden, die ich sonst nicht loswerde. Ich schreibe mir den Wut von der Seele. Ich schreibe.

Fard, ein Aufsteige-Rapper, hat ein geniales Lied geschrieben. Nicht Lied, eher eine Geschichte, die er erzählt. Viel Spaß beim Anhören..Rashid und Jamal, so heißt es.

 

 

 

1.10.08 19:58

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bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


(6.6.10 19:00)



celina / Website (23.12.10 14:21)
wieso musste dein bruder sterben???

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